Konflikte betreffen nie nur zwei Menschen

Restorative Circles sind ein strukturierter Dialogprozess, mit dem sich Konflikte gemeinschaftlich klären lassen.

Statt nach Schuldigen zu suchen oder möglichst schnell einen Kompromiss herzustellen, schaffen Restorative Circles einen Raum, in dem alle Beteiligten gehört werden, in dem die Auswirkungen eines Konflikts sichtbar werden und in dem gemeinsam Verantwortung für das weitere Miteinander übernommen werden kann.

Gerade in Teams und Organisationen eröffnet das eine andere Perspektive auf Konflikte: Nicht einzelne Personen müssen das Problem alleine lösen, sondern die Gemeinschaft wird Teil der Klärung.

Was sind Restorative Circles?

Restorative Circles sind ein Ansatz zur gemeinschaftlichen Konfliktklärung, der maßgeblich von Dominic Barter in Brasilien geprägt wurde und auf älteren restorativen Traditionen aufbaut. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Frage, wer recht hat, sondern eine andere: Was ist passiert, wie hat es die Beteiligten beeinflusst, und was braucht es jetzt, damit Zusammenarbeit wieder möglich wird?

Um das herauszufinden, kommen die vom Konflikt betroffenen Menschen in einem moderierten Kreis zusammen. Sie hören einander zu, überprüfen gegenseitig ihr Verständnis und entwickeln gemeinsam konkrete nächste Schritte. Ein Restorative Circle versteht Konflikte dabei nicht ausschließlich als Angelegenheit zwischen zwei Personen – denn Konflikte entstehen immer in einem sozialen System.

In einem Team können zum Beispiel Entscheidungen, Rollen, Erwartungen, Machtverhältnisse oder unausgesprochene Regeln dazu beitragen, dass Spannungen überhaupt entstehen oder bestehen bleiben. Deshalb können neben den unmittelbar Beteiligten auch Menschen Teil eines Circles sein, die von dem Konflikt betroffen sind oder zu seiner Veränderung beitragen können.

Infografik zum Umgang mit Konflikten und Unfällen, zeigt zwei Szenarien: verletzt durch Gewalt oder Unfall sowie Verletzung durch Konflikt. Erklärt Schritte wie Verantwortungsübernahme, Klärung, Rückzug oder Verteidigung, um Situation zu klären.

Die Grafik stammt aus dem Restorative Circles Workbook

Wie läuft ein Restorative Circle ab?

Ein vollständiger Restorative-Circles-Prozess besteht in der Regel aus drei Phasen: dem Pre-Circle, dem Main-Circle und dem Post-Circle.

Diagramm mit Farbkreisen, der den Kommunikations- und Handlungsprozess beschreibt. Der blaue Kreis auf der linken Seite umfasst Schritte wie Handlung identifizieren, Bedürfnisse und Werte ergründen, Ablauf erklären, Zustimmung zur Teilnahme einholen, mit den Labels Autor, Empfänger und Community. Der gelbe Kreis in der Mitte zeigt Vorstellen, Bedeutung verstehen, Unterstützungsangebote identifizieren, Mitwirkungsbereitschaft bestätigen, mit dem Label Facilitator. Der große orange Kreis auf der rechten Seite gliedert sich in drei Phasen: 1. Gegenseitiges Verstehen, 2. Eigenverantwortung, 3. Handlungsplan, verbunden durch Zitate und Fragen zur Reflexion. Zudem gibt es einen grünen Kreis mit der Aufschrift "Evaluation des Handlungsplans feiern Planen".

Die Grafik stammt aus dem Restorative Circles Workbook

1. Pre-Circle

Bevor alle gemeinsam zusammenkommen, finden vorbereitende Einzelgespräche statt. Der Facilitator spricht mit den Beteiligten über ihre Wahrnehmung des Konflikts und darüber, wer von der Situation betroffen ist. Dabei geht es noch nicht darum, den Konflikt zu lösen – der Pre-Circle schafft vor allem Orientierung und Sicherheit für den gemeinsamen Prozess.

Typische Fragen sind: Was ist passiert? Was war für dich besonders bedeutsam? Wer ist von diesem Konflikt betroffen, und wer sollte an der gemeinsamen Klärung beteiligt sein? Und: Was brauchst du, um an einem Circle teilnehmen zu können?

2. Main-Circle

Im Main-Circle kommen die Beteiligten gemeinsam zusammen, und die Facilitatoren unterstützen den Dialog durch eine klare Gesprächsstruktur. Typischerweise bewegt sich das Gespräch dabei durch drei Bereiche.

Gegenseitiges Verständnis

Zuerst sprechen die Beteiligten darüber, was sie erlebt haben und welche Bedeutung das Geschehen für sie hatte. Entscheidend ist dabei nicht nur, dass jemand etwas sagt, sondern dass die andere Person zurückmeldet, was sie verstanden hat. So entsteht Schritt für Schritt ein gemeinsamer Raum, in dem unterschiedliche Wahrnehmungen nebeneinander sichtbar werden dürfen.

Auswirkungen verstehen

Anschließend richtet sich der Blick auf die Folgen des Konflikts: Was hat die Situation ausgelöst, was hat sich dadurch verändert, und welche Auswirkungen hatte der Konflikt auf einzelne Personen, das Team oder die Zusammenarbeit? Häufig wird hier deutlich, dass ein Konflikt weit größere Kreise zieht als zunächst angenommen.

Gemeinsam nächste Schritte entwickeln

Erst wenn Verständnis und Auswirkungen genug Raum bekommen haben, richtet sich der Blick nach vorne. Die Beteiligten entwickeln konkrete Vereinbarungen – nicht, um einen von außen vorgegebenen Kompromiss zu erfüllen, sondern weil sie selbst entscheiden, was sie brauchen und welche Schritte sie gemeinsam gehen möchten.

3. Post-Circle

Nach einer vereinbarten Zeit kommen die Beteiligten erneut zusammen und schauen gemeinsam hin: Was hat sich verändert? Welche Vereinbarungen funktionieren, und was braucht weiter Aufmerksamkeit oder muss angepasst werden? So endet die Konfliktklärung nicht mit einem guten Gespräch, sondern der Prozess begleitet auch die Umsetzung.

Sieben Menschen sitzen um einen runden Tisch mit einem Blumenstrauß in der Mitte, der aus bunten Blumen besteht, bei einer Besprechung oder einem Meeting.

Die Grafik stammt aus dem Restorative Circles Workbook

Welche Rolle hat ein Facilitator?

Ein Restorative-Circles-Facilitator entscheidet nicht, wer recht hat, und er entwickelt auch nicht die Lösung für die Gruppe. Seine Aufgabe besteht darin, einen Rahmen zu schaffen, in dem die Beteiligten selbst wieder miteinander in Kontakt kommen können. Facilitator achten auf die Struktur des Prozesses, unterstützen das gegenseitige Verstehen und sorgen dafür, dass alle relevanten Stimmen gehört werden.

Dahinter steht eine bestimmte Haltung: Nicht die Facilitator besitzen die Lösung, sondern die Fähigkeit zur Klärung liegt bei den Beteiligten selbst. Professionelle Facilitation bedeutet deshalb oft, weniger einzugreifen und dafür umso genauer wahrzunehmen.

Restorative Circles und Mediation

Restorative Circles und Mediation verfolgen ähnliche Ziele: Beide schaffen einen strukturierten Rahmen für Konfliktklärung und unterstützen Menschen dabei, miteinander ins Gespräch zu kommen. Und trotzdem gibt es einen Unterschied. Während die klassische Mediation häufig stark auf die unmittelbar konfliktbeteiligten Personen fokussiert, beziehen Restorative Circles bewusst das soziale Umfeld des Konflikts mit ein. Die Frage lautet dann nicht nur, wer miteinander einen Konflikt hat, sondern auch, wer davon betroffen ist.

Gerade in Organisationen ist dieser Unterschied relevant. Ein Konflikt zwischen zwei Führungskräften kann Auswirkungen auf zwei komplette Teams haben, und eine Spannung zwischen Mitarbeitenden hängt oft mit Rollen, Entscheidungswegen oder organisationalen Strukturen zusammen. Restorative Circles ermöglichen es, diese größere Perspektive in die Klärung einzubeziehen.

Restorative Circles in Teams und Organisationen

Konflikte in Organisationen entstehen selten im luftleeren Raum. Unklare Verantwortlichkeiten, hohe Arbeitsbelastung, unterschiedliche Erwartungen, Veränderungen, Macht, fehlende Entscheidungen oder widersprüchliche Ziele können Konflikte verstärken. Und trotzdem werden sie häufig individualisiert: Dann heißt es, die beiden müssten eben miteinander reden, die Führungskraft müsse das klären, oder das Team habe ein Kommunikationsproblem.

Restorative Circles erweitern diesen Blick. Sie fragen nicht nur, was zwischen zwei Menschen passiert ist, sondern auch, welches System dazu beigetragen hat. Damit werden Konflikte nicht nur zu Problemen, die möglichst schnell verschwinden sollen, sondern zu Informationen darüber, was eine Organisation gerade braucht.

Wann können Restorative Circles sinnvoll sein?

Hilfreich sein können Restorative Circles zum Beispiel bei Konflikten zwischen Teammitgliedern, zwischen Führungskräften und Mitarbeitenden oder innerhalb eines Führungsteams. Auch bei eskalierten Teamkonflikten, bei Spannungen nach Veränderungen oder Reorganisationen, bei wiederkehrenden Missverständnissen, verletztem Vertrauen oder Konflikten über Rollen und Verantwortlichkeiten können sie tragen – gerade dann, wenn bereits viele Gespräche stattgefunden haben, ohne dass sich etwas verändert hat.

Wann sind Restorative Circles nicht die richtige Lösung?

Nicht jeder Konflikt braucht einen Circle. Manchmal reicht ein direktes Gespräch, manchmal braucht es eine klare Führungsentscheidung, und manchmal sind arbeitsrechtliche, strukturelle oder andere formale Schritte notwendig. Und manchmal sind Beteiligte schlicht noch nicht bereit oder in der Lage, gemeinsam in einen Dialog zu gehen.

Professionelle Konfliktbegleitung bedeutet deshalb auch, ehrlich zu prüfen, welches Format zu einer konkreten Situation passt. Restorative Circles sind kein Universalwerkzeug – aber ein sehr kraftvoller Prozess für Situationen, in denen gemeinschaftliche Verständigung und Verantwortung möglich und sinnvoll sind.

Was unterscheidet Restorative Circles von einer klassischen Konfliktmoderation?

In vielen Konfliktmoderationen besteht das Ziel darin, unterschiedliche Positionen sichtbar zu machen und anschließend eine gemeinsame Lösung zu entwickeln. Restorative Circles setzen früher an: Bevor über Lösungen gesprochen wird, bekommen Verständnis und Auswirkungen Raum. Das verändert häufig die Qualität des Gesprächs, weil Menschen nicht mehr nur über Positionen verhandeln, sondern besser verstehen, warum bestimmte Situationen für andere so bedeutsam geworden sind. Erst danach entstehen Vereinbarungen – und die tragen dann meist deutlich weiter.

Warum wir mit Restorative Circles arbeiten

Wir erleben in Organisationen immer wieder, dass Konflikte zu schnell gelöst werden sollen. Es werden Maßnahmen vereinbart, Rollen geklärt, Meetings moderiert – und trotzdem bleibt etwas zwischen den Beteiligten bestehen. Genau für diesen Raum interessieren sich Restorative Circles. Nicht nur für die Frage, was wir jetzt anders machen sollen, sondern zuerst für die andere: Was ist eigentlich zwischen uns passiert?

Aus unserer Arbeit mit Mediation, Organisationsentwicklung und Konfliktbegleitung wissen wir, dass nachhaltige Veränderung häufig dort beginnt, wo Menschen sich wieder gegenseitig verstehen können. Deshalb bringen wir Restorative Circles gezielt in Teams und Organisationen.

Über 300 Menschen in Restorative Circles ausgebildet

In den vergangenen Jahren haben wir mehr als 300 Menschen dabei begleitet, Restorative Circles kennenzulernen und in der eigenen Praxis anzuwenden – darunter Führungskräfte, People-and-Culture-Verantwortliche, Coaches, Mediatorinnen und Mediatoren, Organisationsentwicklerinnen und Organisationsentwickler sowie viele Menschen, die Konflikte in Teams professionell begleiten.

Gleichzeitig setzen wir Restorative Circles selbst in Organisationen und realen Konfliktprozessen ein. Denn für uns gehört beides zusammen: die Methode verstehen – und sie dort erleben, wo Konflikte tatsächlich entstehen.

Restorative Circles lernen

Du möchtest Restorative Circles selbst erleben und lernen, wie du den Prozess begleiten kannst? In unseren Trainings arbeitest du nicht nur theoretisch mit dem Modell, sondern übst die einzelnen Prozessschritte, arbeitest mit realistischen Konfliktsituationen und entwickelst ein Gefühl dafür, was professionelle Facilitation wirklich braucht.

Restorative Circles Training

Der praxisnahe Einstieg für alle, die Restorative Circles kennenlernen und in ihrer Arbeit einsetzen möchten.

Conflict Culture Facilitator

Die umfangreiche Weiterbildung für Menschen, die Konflikte professionell in Teams und Organisationen begleiten möchten. Restorative Circles verbinden wir dabei mit Mediation, Organisationsentwicklung und weiteren Perspektiven auf Konfliktkultur.

Häufige Fragen zu Restorative Circles